Kriminelle Industrie des Staates – Annonce des Buchs „Carne“

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2008 begann ich an einer Reihe von Artikeln über die Prostitution, den Menschenschmuggel und die illegale Migration in Ost- und Südeuropa zu arbeiten. Der ursprüngliche Plan änderte sich im Laufe der Zeit, es gab immer mehr Material, „die Geographie der Forschung“ wurde ebenfalls größer – und 2010 entschied ich mich für ein Buch. Sein Titel „Carne“ lässt sich aus dem Spanischen als „Fleisch“ übersetzen und bringt das Bucht mit dem Kultfilm des berühmten argentinischen Regisseurs Armando Bo mit Isabel Sarli als Hauptdarstellerin in Verbindung. Ich verzichtete auf die Idee, eine Artikelreihe zu veröffentlichen und das Thema zu vergessen – und zwar aus zwei Gründen. Erstens betreffen die Probleme der Frauen mich direkt. Zweitens fiel mir während der Arbeit ein interessantes Phänomen auf: In keinem von mir besuchten oder erforschten Ländern wurden die Probleme des Drogen- und Menschenschmuggels und der mit der Sexindustrie verbundenen illegalen Migration gelöst.

Dort, wo die Prostitution und die Sexindustrie verboten sind (sei es durch Kriminalisierung der Prostituierten oder des Kunden, wie z. B. in islamischen oder manchen europäischen Ländern), existiert ein großer Schwarzmarkt, von dem Zuhälter, Polizei und lokale Beamte profitieren. In den islamischen Ländern gibt es eine Reihe zusätzlicher Probleme, wie die Wiedereinführung der Sklaverei, beispielsweise auf dem Territorium des Islamischen Staates. Erwähnenswert wären auch die Massenvergewaltigungen von legalen und illegalen Arbeitsmigrantinnen in Saudi Arabien oder in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Es liegt daran, dass die Ausländerinnen dort absolut rechtlos sind und dass „eine Vergewaltigung“ in den Ländern als „eine Provokation“ des Vergewaltigers durch das Opfer betrachtet wird. Eine bedeutende Rolle spielt dabei die privilegierte Lage der männlichen Bürger: So ist die Aussage einer Frau vor Gericht zweimal weniger wert als die eines Mannes. Die Beschwerden einer Indonesierin würde man in solcher Situation überhaupt nicht berücksichtigen, weil sie keine Staatsbürgerin, sondern eine arme Arbeitsmigrantin ist.

Dort, wo die Prostitution entkriminalisiert ist, wie z. B. in der Ukraine, geschieht das Gleiche nur mit kleinen Unterschieden: Die Frauen werden nicht durch den Staat eingeschüchtert, sondern durch die korrumpierte Polizei, die letztendlich ein Teil des Staatssystem ist. In den Ländern, wo die Sexindustrie legal ist, entsteht ebenfalls ein Schwarzmarkt, auf dem die illegalen Migrantinnen und die Frauen arbeiten, die ihre Anonymität bewahren wollen. Es ist typisch sowohl für die Industrie- als auch für die Entwicklungsländer. Im Fall der Industrieländer sind z. B. die muslimischen Frauen zu erwähnen, die in Europa in die Schattenwirtschaft hineingezogen werden. Als Beispiel für die Situation in Entwicklungsländern kann man die Dominikanische Republik nennen, wo ich erstaunlich viele Haitianerinnen sah, die wegen der Aberglauben und der Angst vor ihren konservativen Familien in der Sexindustrie illegal arbeiten. Die durch und durch korrumpierte Schattenwirtschaft wächst mit den anderen Schattenmärkten zusammen – z. B. mit dem Drogenschmuggel, dem Schmuggel von illegalen Migranten und Sklaven oder sogar dem Schmuggel exotischer Tiere. Als Resultat bildet sich ein System, das de facto unter der Kontrolle der Beamten föderaler Ebene befindet. Diejenige Frauen, die in der Sexindustrie illegal arbeiten, geraten oft in die Hände von der selben Zuhältern, die sich in „Gewerkschaften der Sexarbeiter“ umbenennen. Innerhalb solcher gewerkschaftlichen Strukturen wird ein wahrer Korruptionskrieg geführt, und wenn jemand dem Staat und deinen korrumpierten Beamten dabei im Weg steht, wird dieser Mensch einfach umgebracht, was mit Sandra Cabrera in der argentinischen Stadt Rosario geschah. Sie störte die Polizei, die die Gewerkschaft der Prostituierten unter ihre Kontrolle bringen wollte, um die Frauen „effizienter“ zu nutzen. Das heißt, sie zu zwingen, 30 bis 40 Kunden pro Tag für minimale Belohnung zu bedienen, was de facto Sklaverei bedeuten würde. Dafür wurden von der Polizei verschiedene Methoden verwendet: Einigen Frauen wurden die Dokumente weggenommen, Andere wurden bedroht oder geschlagen. Sandra Carbera widerstand diesen Versuchen, ging an die Presse und klagte bei Gericht, bis die Polizisten sie letztendlich einfach auf der Straße erschossen.

Infolgedessen kam ich zur Schlussfolgerung, dass der bedeutendste Faktor, der zum Aufschwung des Menschenhandels, der qualvollen illegalen Migration, der Heranziehung der Frauen und der Minderjährigen in die Prostitution und Pornoindustrie führt, die Tätigkeit des Staates ist. Die Prostitution als Form des Handels begann sich zu entwickeln, als die ersten Staaten und Nationen sich zu bilden begannen und als große, organisierte Religionen entstanden, die die Rolle der Staatsinstitutionen hatten. Davor hatte es weder Prostitution noch die Sexindustrie (wie wir sie heute kennen) gegeben. Der Geschlechtsverkehr und die Ehe waren noch nicht vereinheitlicht und konnten nicht zur Verwaltung großer Menschenmengen benutzt werden.

Normalerweise bringt man die Prostitution mit dem Kapitalismus in Verbindung und behauptet, dass gerade er der Grund für den Aufschwung der Sexindustrie und krimineller Märkte sei. Tatsächlich sieht es beim ersten Blick so aus. Eine oberflächliche Vorstellung davon, wie der Staat, der Markt und der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft funktionieren, führt dazu, dass man den Markt für alles verantwortlich macht. Beispielsweise beschreibt Simeon Dyankow in seinem Werk «Der große Wiedergeburt: was uns der Sieg des Kapitalismus über Kommunismus lehrte» einen der wichtigen Faktoren, die die massenhafte Unzufriedenheit mit der Privatisierung in postkommunistischen Ländern erklären. Es ist die Tatsache, dass die Leiter der kriminellen Gruppierungen, die von der Prostitution, dem Drogen- und Waffenhandel und dem Handel mit gestohlenen Autos profitierten, im Laufe der Privatisierung zu wohlhabenden Geschäftsleuten wurden. In der Tat waren es die für den Sozialismus typische Korruption und die Allmächtigkeit der Geheimdienste, die kriminelle Gruppen organisierten, Drogenschmuggel und Migration kontrollierten und letztendlich ein solches Resultat verursachten. Aber der durchschnittlicher Bürger sieht das ganze Bild normalerweise nicht, weil er emotional denkt. Dazu kommt die Nostalgie für die guten alten Zeiten. Deswegen fängt er an, die Marktwirtschaft, Die ihm «die Stabilität» wegnahm, an alles zu beschuldigen.

Mit der Prostitution entstand eine ähnliche Situation: Nach dem Zerfall der Sowjetunion begann ein starker Zustrom der Frauen in die Sexindustrie. Viele Menschen brachten es mit der Marktwirtschaft und dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems in Verbindung. Jedoch bezeichnete noch Ludwig von Mises in seinen Werken die Prostitution als die älteste Erfindung der Menschheit, die allen Völkern bekannt war. Deswegen solle sie als ein Rudiment der Beziehungen zwischen den Stämmen und nicht als ein Produkt der Hochkultur betrachtet werden. Nach Mises bestehe es keine direkte Verbindung zwischen der Institutionalisierung von Privateigentum und der Prostitution. Die Vorstellungen von den sexuellen Problemen, meinte er, seien stark von den Vorurteilen geprägt, was die Auseinandersetzung mit dem Thema erschwere. Deswegen dürfe man nicht in den Kategorien des verlorenen Paradies denken, wenn man von den komplexen sozialen Wissen spricht. Noch vor dem Zerfall der Sowjetunion begann die totalitäre, heuchlerische, vom Staat aufgezwungene Kultur zusammenzubrechen. Regisseure, Journalisten und Schriftsteller wollten das Regime nicht mehr preisen, und in den sowjetischen kulturellen Feld kam langsam die Wahrheit über die Prostitution, die Untergrundkultur, die Drogen und die Probleme der Jugend. Es stellte sich heraus, dass das System diese Prozesse nicht mehr wie früher hinter einer idyllischen Fassade verbergen konnte. Die Probleme waren schon immer da gewesen, der Staat verbot nur, über sie zu sprechen. In der Sowjetunion gab es keinen Kapitalismus, und die Prostitution war streng verboten. Doch die Sexindustrie funktionierte unter der Kontrolle von der Miliz (sowjetischer Polizei) und dem KGB. In den 90er Jahren brach das Staatssystem zusammen, die Zensur wurde abgeschafft, „der Eiserne Vorhang“ fiel und die russische Sexindustrie wurde allen sichtbar. Vielen schien damals, dass der Kapitalismus die Prostitution verursacht habe. Es ist aber falsch. Das Phänomen der Prostitution muss als dynamischer Prozess und unter Berücksichtigung nicht allein aktueller Wirtschaftsbedingungen betrachtet werden. Berücksichtigen muss man dabei einen ganzen Faktorenkomplex: Welche soziokulturelle Bedingungen gab es, als die heutigen Prostituierten noch Kinder waren? Ob es eine allgemeine Schulpflicht gab? Ob das Schulsystem privatisiert war? Und welche Rolle spielen im Land die traditionellen Installationen wie die Armee oder die Religion?

Was die Zwangsprostitution betrifft, sei es durch physischen (durch direkte Gewalt) oder wirtschaftlichen (durch den Mangel an anderen Möglichkeiten, Geld zu verdienen) Zwang, ist es zu erwähnen, dass der Staat am häufigsten derjenige ist, der einen zu etwas zwingt. Erstens unterscheidet er sich vom Markt durch ein wichtiges Merkmal: Seine Anordnungen sind allgemeingültig. Der Staat kann allen seine Bedingungen aufzwingen. Kein Spieler auf dem Markt ist in der Lage, den Staat zu vernichten oder einzusperren, während der Staat genau das mit seinen Konkurrenten (einem Geschäftsmann oder einer Organisation) tun kann. Zweitens ist der Staat dazu fähig, den Markt zu steuern, indem er die Arbeitslosigkeit steigert oder das Geld so aufteilt, dass die Menschen keine Alternative haben, außer auf das Almosen vom Staat zu warten. Drittens beansprucht jeder Staat wegen seiner totalen und expansiven Natur die Entwicklung eines Systems, in dessen Rahmen er möglichst viele Bereiche unbedingt monopolisiert. Manche Bereiche werden dann einfach nationalisiert, um dort keine Konkurrenz zuzulassen.

Um eine größere und umfassendere Kontrolle zu erreichen, schafft der Staat eine Reihe krimineller Institutionen. Beispielsweise durfte man im 19. Jahrhundert problemlos eine Feuerwaffe kaufen. Es galt als ganz normal in den USA, in Russland und in vielen Ländern Europas und Lateinamerikas. Viele Menschen besaßen eine Waffe und übrigens, es gab damals weniger Serienmörder und Amokläufer, denn es ist eine wirklich schlechte Idee, einen möglicherweise bewaffneten Menschen anzugreifen. Heutzutage gibt es fast keine Länder mehr, wo man eine Waffe problemlos kaufen könnte. Aber es gibt einen riesigen Schwarzmarkt, wo ein Gewehr viel mehr als sein realer Marktpreis kostet, weil es illegal ist.

Ein anderes Beispiel – der Drogenschmuggel. Im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts war das Kokain in den Apotheken verfügbar. Marihuana zu kaufen, war ebenfalls nicht schwer. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann eine Antidrogen-Hysterie und als Resultat entstand ein gigantischer Schwarzmarkt, von dem staatliche und terroristische Organisationen verschiedenster Art, Beamte, Geheimdienste u. A. profitieren. Warum geschah es? Warum kostet ein Kilo Heroin in Afghanistan tausend Euro, an der Grenze zwischen Afghanistan und Tadschikistan schon zweitausend Euro, in Russland – siebzigtausend Euro, und in Westeuropa – hunderttausend Euro? Weil es verboten ist. Es ist illegal und die Menschen sind bereit, zehn oder hundert mal mehr zu zahlen, um an die verbotene Ware zu kommen. Kriminalisierung erhöht den Gewinn. Deswegen kann der Staat an solchen Gelegenheiten nicht vorbeigehen, vor allem weil er in der Lage ist, Gesetze zu schreiben und alles Mögliche zu kriminalisieren. Und an der Prostitution konnte der Staat nicht vorbeigehen, denn sie ist sehr profitabel. Anfangs nationalisierte sie der Staat und verwandelte zu einem Teil des Kults. So entstand im Altertum die Tempelprostitution (z. B. in Indien, Griechenland usw.), als die Frauen ihre Kunden in Tempeln bedienten und die Männer ihr Geld dorthin brachten. Der Kult war ein Bestandteil des Staates, der sie durch die Prostitution bereicherte. Später wurde die Religion stark vereinheitlicht, das Christentum verbreitete sich und seine Doktrin verurteilte die Prostitution. Sie wurde in den christlichen Ländern kriminalisiert, was sie aber nur profitabler machte. In Europa entstanden Hunderte illegaler Bordelle, der Frauenhandel blühte, die Beamten bekamen Schmiergeld. In unserer relativ humanen Zeit wurde es problematisch, die alten Methoden zu verwenden. Deswegen änderte der Staat seine Strategie und erschuf einen neuen Diskurs: den Diskurs des Entsetzens statt des alten Diskurses der Feindlichkeit. Nun akzeptiert man, dass die Prostituierten auch Menschen sind, doch man vermeidet eine genaue Auseinandersetzung mit dem Thema, weil es unangenehm und abstoßend zu sein scheint. Infolgedessen bleibt die Prostitution in einer grauen Zone, was die Frauen dort sehr schutzlos macht, und die Staatsbeamten kontrollieren diese Industrie genauso wie früher, weil keiner sich mit dem Problem ernsthaft auseinandersetzen will.

Letztendlich kam ich zur Schlussfolgerung, dass die Sexindustrie ein problematisches Thema bleibt, solange der Staat existiert, der auf einer oder anderer Weise den Markt un die Gedanken der Menschen kontrolliert. Er wird wieder und wieder seine Strategie ändern und expandieren, um den Markt zu unterwerfen und eigene Monopolen zu schaffen. Er wird jedenfalls Gruppen von „Außenseitern“ und „Unerwünschten“ schaffen, sei es „Klassenfeinde“, „Kapitalisten“, Juden, „Ungläubige“, Prostituierte oder sonst jemand. So ist die Logik des Staates. Er braucht eine mobilisierende Stimmung in der Bevölkerung, deswegen entspricht die Entstehung der marginalisierten „Ghettos“ seinen Interessen. Der Staat braucht Feinde sowohl innerhalb als auch außerhalb der Gesellschaft, um eigene Präsenz in allen Sphären des menschlichen Lebens zu rechtfertigen.

In meinem Buch versuchte ich, verschiedene Umgangsweisen mit der Prostitution zu erforschen. Und zwar unter besonderer Berücksichtigung der totalitären und autoritären Diktaturen in manchen Ländern. Darüber hinaus handelt es sich in meinem Buch und die Probleme der Sexindustrie, der Schattenwirtschaft, der illegalen Migration und des Drogenschmuggels. Der Leser findet da ebenfalls einige historische Fakten. Außerdem setzte ich mich mit dem Zusammenhang zwischen der Prostitution, dem Staat und dem Terrorismus auseinander. Anfänglich stützte ich mich auf die postsowjetische Erfahrung. Im Buch gibt es ein großes Kapitel über spät- und postsowjetisches Russland, in dem die Zusammenhänge zwischen dem Markt in der GUS, dem Nachlassen der russischen Staatsgewalt, der Perestroika-Kultur und dem Aufschwung der Sexindustrie behandelt werden. Schließlich fügte ich die Erforschung der Problematik in Lateinamerika, Europa, islamischen und manchen asiatischen Ländern hinzu.

Kitty Sanders, 2015

Übersetzung: Julia Shenson

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