Nationalismus ist kein Grund fürs Kennenlernen

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Von der Perspektive der modernen Politik- und Wirtschaftswissenschaften ist ein Rechter derjenige, der die Rolle des Staates in der Wirtschaft minimieren will. Aus der Minimierung der Rolle des Staates resultieren normalerweise die Föderalisierung des Landes und die Beachtung der grundlegenden Bürgerrechte und Freiheiten, nämlich Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Gedankenfreiheit, das Recht auf Selbstverteidigung usw.. Ein Linker hält dagegen den Staat für den effektivsten Garanten der gesellschaftlichen Entwicklung. Die Realisierung der meisten Bürgerrechte und Freiheiten würde er am liebsten an den Staat delegieren, und nicht an die mit Feuerwaffen, Meinungsfreiheit und unabhängigen Gerichten bewaffneten Bürger. So sieht das Idealbild aus. In der Realität haben wir nicht mit den Idealbildern, sondern mit der Realpolitik zu tun, in der weder die „reinen“ Rechten noch die „reinen“ Linken existieren. Genauer gesagt: Es gibt sie, aber auf einem äußerst marginalen Niveau. Wirkliche Macht und wirklichen Einfluss haben sie nicht.

left_and_right_wing smallNehmen wir zum Beispiel Indonesien. 1968 fand ein Putsch im Land statt, die Generale entmachteten prosowjetischen Sukarno und Soeharto kam an die Macht. Er war ein rechtsgerichteter, weltlicher und proamerikanischer Politiker. Er initiierte zahlreiche Reformen und während seiner Regierungszeit war ein Team der Wirtschaftswissenschaftler tätig, das von den Gegnern als „The Berkeley Mafia“ bezeichnet worden war. Und weil Naomi Klein sie in ihrem Buch «The ShockDoctrine» stigmatisierte, kann man daraus schließen, dass mit Suharto und seinen Wirtschaftswissenschaftlern alles in Ordnung war. Dennoch war der öffentliche Sektor zur Suhartos Zeit ziemlich groß, und eine der bedeutendsten Organisationen im Land, das „allmächtige“ Büro für Logistik (BULOG) war staatlich.

Der Autor des venezolanischen Wunders Perez Jimenez bezahlte den sozialen Wohnungsbau, die Errichtung der Infrastruktur und der Parken aus den Haushaltsmitteln und ließ die venezolanischen Fachleute im Ausland studieren.

Margaret Thatcher, eine Ikone von vielen prowestlichen Rechten, war in den Fragen des Waffenrechts alles anderes als liberal. Jedoch bleibt sie eine der bedeutendsten rechten Politikern.

Viele rechte Politiker in Nord- und Lateinamerika vertreten die Meinung, dass man viele Probleme mit Drogen durch die Legalisierung, die Dekriminalisierung und die Einbindung in die ökonomische Prozesse lösen könnte. Sicher ist, dass viele Rechte aus Russland oder Asien es als unakzeptabel bezeichnen würden.

Nicht immer entspricht ein Rechter dem idyllischen Bild aus dem 19. Jahrhundert, wie Viele sich vorstellen. Und glücklicherweise entspricht er immer seltener der Gestalt eines wahnsinnigen Obskuranten, der am liebsten theokratische Diktatur einführen und dann unter dem Motto „Freiheit“ verbieten, bestrafen und vergewaltigen würde. Selbstverständlich existieren solche Politiker noch. Beispielsweise sind die israelischen Neturei Karta, die den Staat Israel radikal ablehnen, für alles bereit, um ihr theokratisches Modell zu realisieren. Die Anhänger der islamischen Wirtschafts- und Businessmodells halten ihrerseits eine Situation für normal, in der die Hälfte der Bevölkerung so gut wie keine Rechte hat. Doch in der Zukunft werden solche Politiker zusammen mit ihren obskuren Ideen verschwinden.

Aufgrund der „schwankenden“ Bedeutung des Begriffes und der Verlust des Begriffes „liberal“ beginnen viele Menschen, selbstständig die „Merkmale eines Rechten“ auszudenken. Man kann sagen, sie versuchen, die Elemente des Überbaus in die Basis zu übertragen und sie als fundamentale Merkmale vorzustellen. Am häufigsten versucht man das Konzept von „rechter Politik“ mit den Begriffen „Moral“, „Religiosität“ und „Nationalismus“ zu kombinieren. In diesem Zusammenhang ist der Autor und der Politikwissenschaftler Paul Gottfried zu erwähnen, der in seinem Buch „The StrangeDeathofMarxism“ den Nazismus beinahe rechtfertigt. Denn wenn die Nazis „moralisch“ waren, dann waren sie auch die Rechten. Man könnte hinzufügen, dass auf ihren Gürtelschnallen „Gott mit uns“ stand, also Gottfried hätte sie auch gute Christen nennen können. Warum denn nicht? Unabhängig von ihren Herkunftsländern begreifen derartige Politikwissenschaftler nicht, dass ihre „strenge Moral“ nicht auf dem „authentischen Christentum“ basiert. Als Grundlage hat sie eher eine Mischung aus Fragmenten der christlichen Moral und der sowjetischen Sozialethik, wenn es um Russland geht, oder die emotionell wahrgenommenen und schlecht verstandenen westchristlichen Ideen. Was muss in diesem Fall ein rechter Inder tun, der ein Anhänger von Kaschmirischem Shivaismus ist? Ein Zionist? Ein Buddhist, dessen Moral sich stark von der Christlichen unterscheidet? Ein venezolanischer Christ und ein Anhänger der ziemlich erotischen Maria-Lionza-Kultes? Und was macht man letztendlich mit der berühmten Pornodarstellerin Jenna Jameson, die regelmäßig für die Republikaner stimmt? Soll man ihr verbieten, rechts zu sein? Soll man eine Große Moralische Liste erstellen, in der alle unmoralische Personen aufgelistet werden, denen man das Recht auf die Selbstidentifizierung entzieht? Was müssen nun die schwarzen Rechten tun? Müssen sie sich den weißen oder den schwarzen Nationalisten anschließen? Und wenn für sie das Letzte gilt, wie lässt sich die Tatsache erklären, dass die meisten schwarzen Nationalisten eindeutig linksgerichtet sind? Und warum neigten die alten Linken massenhaft zum Nationalismus?

Die Antwort auf all die Fragen ist sehr einfach. Weder die „Moral“, die entweder durch das berühmte sowjetische „Es gibt keinen Sex!“ oder durch den europäischen Syphilis-Diskurs (weil er während der Epidemie dieser Krankheit entstand) beeinflusst wurde, noch der Nationalismus haben eine direkte Verbindung mit der rechten Doktrin. Sie können von einzelnen Rechten benutzt werden, aber nichts Weiteres. Die Hypothese, dass die Rechten diese Elemente öfter als die Linken benutzen, erweist sich ebenfalls als unbegründet. Häufig kommt es dazu, dass „die Apologeten der strengen Moral“ sich bereitwillig mit ihren schlimmsten Feinden verbünden. Zum Beispiel mit den linken Feministinnen, um die Zensur und die Verbote im sexuellen Leben zu fordern. Es passiert, weil „die Vorkämpfer der Moral“ eigentlich keine Rechten sind. Sie stehen außerhalb der politischen Kategorien. Ihre Forderungen liegen im Bereich der Psychiatrie und sexueller Perversionen und nicht im Bereich der Politik oder der Wirtschaft.

Heute beschäftigen wir uns mit der These: „Nationalismus ist das fundamentale Merkmal der rechten Ideologie“. In den russischen und europäischen semantischen Räumen ist sie aus zwei Gründen sehr verbreitet. Erstens liegt es daran, dass die Kommunisten und die Bolschewisten zu oft als „Internationalisten“ oder „Kosmopoliten“ dargestellt werden. Zweitens bezeichnet man Hitlers Regime und, was noch empörender ist, den italienischen Faschismus als etwas „Rechtes“, nur weil sie gegen die Sowjetunion waren. Daraus resultiert eine Vorstellung, dass alle Sympathisanten der Sowjetunion links sind, und alle Sympathisanten von Hitler und Mussolini – rechts. Also, ein Rechter ist immer ein Nationalist, und ein Rechtsradikaler ist immer ein Nazi.

Um die These zu widerlegen, muss man nur wissen, dass weder Hitler noch Mussolini rechte Politiker waren. Beide unterstellten die Wirtschaft der Staatskontrolle und maximierten die Rolle des Staates im privaten Leben. Darüber hinaus muss man verstehen, dass der Nationalismus in keiner unmittelbaren Verbindung mit dem freien Markt steht. Ganz im Gegenteil: Er würde ihn eher stören, besonders wenn es um die großen und einflussreichen Länder geht. Es liegt daran, dass die Nationalisten ständig dazu neigen, ein hartes protektionistisches Wirtschaftsmodell einzuführen und den Markt von „den Fremden“ zu schließen. Außerdem gibt es unter den nationalistischen Führern von Staaten und Parteien wesentlich mehr Linke als Rechte.

Hier sind einige von ihnen aufgelistet:

1. Kim-Dynastie (Nordkorea). Radikale nationalistische Rhetorik, Streben nach dem Anschluss des südlichen Nachbarn, Patriotismus und massenhafte, fast wahnsinnige Besessenheit von der Idee der „hohen Moral“, die man dort als „sozialistische Moral“ bezeichnet.

2. Pol Pot. Ein genauso radikaler Nationalist und Isolationist, ein Anhänger der Autarkie, der sich mit Himmler oder Walther Darre sehr gut über die Mystik der Agrarwirtschaft hätte unterhalten können. Pol Pot war ein Anhänger der Idee eines kommunistisch-primitivistischen Bauernstaates und war davon überzeugt, dass das Volk Kambodschas die Chinesen und die Russen „auf dem Weg zum Kommunismus“ überholt hatte. Die sexuelle Moral in Kambodscha war zu seiner Regierungszeit äußerst strickt: Eine intime Nähe war ausschließlich zum Zweck der Fortpflanzung erlaubt.

3. Sukarno war ein prosowjetischer Präsident Indonesiens, ein nationalistischer Patriot und ein Gegner des Westens.

4. Jawaharlal Nehru. Ein indischer Nationalist und ein linker Politiker.

5. Enver Hoxha. Ein Isolationist, ein Autarkist, ein albanischer Patriot und ein radikaler Marxist.

6. Benito Mussolini. Der Gründer des Faschismus, eines nicht marxistischen, italienischen sozialistischen Modells. Er machte den Markt vom Staat abhängig, mischte sich in den Krieg ein und die Staatskontrolle wurde zu seiner Regierungszeit fast absolut. Den Fakt, dass Mussolini auch ein Nationalist war, kann man nicht bestreiten.

7. Hugo Chávez. Ein Patriot, ein Nationalist, ein Linker. Das Gleiche kann man von seinem Nachfolger Nicolas Maduro sagen. Darüber hinaus können die beiden als ziemlich radikale „linke Imperialisten“ bezeichnet werden, die einigen Ländern ihre Politik aufzwangen, linke terroristische Organisationen in der Region unterstützten und Honduras und Kolumbien mit einem Krieg drohten.

8. Juan Velasco Alvarado. Der Anführer der peruanischen Junta, der eins der radikalsten linken Modelle Lateinamerikas seiner Zeit realisierte. Ihre Ziele und Ideen formulierte seine Junta folgenderweise: Reformierung der Wirtschaft, des öffentlichen Sektors, der Politik und der Kultur, um eine neue Gesellschaft zu bilden, in der peruanische Frauen und Männer frei und nach gerechten Gesetzen leben würden. Ihre Revolution bezeichneten sie als von anderen Ideologien unabhängig, human und nationalistisch, denn sie hätte den Interessen des peruanischen Volkes dienen sollen.

9. Ollanta Humala, der heutige Präsident von Peru, ist Juan Alvarados Nachfolger. Zwar sind seine Methoden milder, aber das liegt eher an der starken rechten Opposition im Land.

10. Huey Newton, einer der beiden Gründungsmitglieder der Black Panther Party. Ein schwarzer Rassist, ein Anhänger der Négritude und eine Linker.

11. Che Guevara. Ein radikaler Nationalist, ein linker Terrorist und ein Revolutionär.

12. Fidel Castro (Kuba). Ein Nationalist, ein Befürworter der „sozialistischen Moral“, der die sexuelle Minderheiten in die Konzentrationslager schickte. Er war ebenfalls ein linker Terrorist und ein Ikone der linken Kultur.

13. Evo Morales, der Präsident von Bolivien. Ein radikaler indigener Nationalist, der das Streben der östlichen Regionen nach der Föderalisierung unterdrückte, und ein überzeugter Sozialist.

14. Daniel Ortega, der Präsident von Nikaragua. Ein Sozialist und ein radikaler Nationalist, der im armen, durch Krisen geschwächten Land sofort die Abtreibungen verbot und „die Diktatur der Moral“ einführte, denn er sah diese Maßnahmen als Lösung für die Probleme Nikaraguas, wo der Sozialismus immer noch nicht „funktionierte“. Finden Sie zehn Unterschiede zwischen ihm und den gleichen „rechten“ Figuren, die glauben, dass der Kapitalismus ohne lange schwarze Röcke und das Verbot von „Unanständigkeit“ nicht funktionieren könne.

Wir könnten die Liste viel länger machen oder eine gleiche Liste der rechten Politiker erstellen, die keine spezifischen Positionen zum Nationalismus oder zur Sexualität vertreten. Es ist ganz natürlich, denn die meisten Politiker, besonders die Rechtsorientierten, haben kein Ziel, den Menschen einen bestimmten Lebensstil aufzuzwingen. Sie versuchen nicht, allen einen Hidschab oder einen Keuschheitsgürtel anzuziehen und das Land national und rassisch homogen zu machen. Für einen rechten Politiker ist die nationale Identität genauso wichtig wie für jeden Menschen und er würde die Interessen der Nation vertreten und verteidigen, die ihm die Führung und die Macht anvertrauen würde. Doch er würde nie die nationale Identität über alles stellen und mit Rache für die alten oder gar imaginären historischen Beleidigungen drohen. Denn wenn man die Nation als ein sakrales, metaphysisches Wesen wahrnimmt, ist das schon ein psychologisches und kein politisches Problem.

Darüber hinaus gibt es nach den „reinen“ rechten Prinzipien in der Wirtschaft gar keinen Unterschied zwischen den Rassen und Nationen, weil der rechte Kapitalismus die Konkurrenzfähigkeit am meisten schätzt und diejenige am meisten respektiert, die den Konkurrenzkampf gewinnen. Außerdem ist die rechte Wirtschaft verbraucherorientiert. Falls die heimische Industrie und das Gewerbe dem Verbraucher das nicht geben kann, was er will, kommen die ausländischen und „fremden“ Firmen auf den Markt, die die Nachfrage befriedigen können. Deswegen ist es unlogisch, Nationalismus, Rassismus oder etwas Ähnliches mit den rechten Ansichten in Verbindung zu setzen. Mit dem „sozialen Konservatismus“ könnte man sie noch verbinden, aber er hat mit dem wirtschaftlichen Konservatismus (Liberalismus oder Neoliberalismus) sehr wenig zu tun.

Also, es ist nicht nur falsch und unlogisch, sondern auch schädlich, solche nebensächlichen, eher psychologischen Eigenschaften wie „Nationalismus“ oder „Puritanismus“ mit dem Bild eines rechten Politikers zu verbinden. Es führt zur Degradierung der rechten Doktrin und zur Umwandlung des wirtschaftlichen Konservatismus in den sozialen Konservatismus, der von den Sozialisten und den Linken gern als „das rechte Schreckgespenst“ benutzt wird. Auf der Weise geschah die Umwandlung des Begriffes in Europa: Ein linker Politiker ist nun ein toleranter Sozialist mit Multikulturalismus, während ein rechter Politiker ein homophober Sozialist ohne Multikulturalismus ist. Die wirtschaftlichen und ökonomischen Programme von europäischen Linken und Rechten unterscheiden sich kaum voneinander und bieten nur verschiedene Methoden an, „den sozialen Staat“ zu bilden. Unterschiedlich ist nur ihre Rhetorik zu den Themen „Migration“ und „Moral“. Ähnliche Situation muss man in den USA, Russland und Lateinamerika nicht zulassen. Jedoch benutzen zur Zeit viele Möchtegern-Rechte das Image „eines rechten Moralisten“ und nicht „eines rechten Kapitalisten“. Die tatsächlichen Unterschiede zwischen den Rechten und den Linken befinden sich in den Bereichen der Wirtschaft und der Realisierung von Bürgerrechten und Freiheiten. Die Rechten befürworten die freie Wirtschaft, die Maximierung des privaten Sektors und das selbstständige Erreichen aller Ziele durch die gleichen Rechte und Freiheiten und unabhängig von der Hautfarbe, der nationalen Zugehörigkeit, der Religion oder den sexuellen Vorlieben der Bürger. Die Linken befürworten ihrerseits die Planwirtschaft, die Unterordnung des privaten Sektors dem Staat, damit die „nützlichen“ Rechte und Freiheiten von den Bürokraten festgelegt und erteilt werden. Hier ist der grundlegende Unterschied. Alles Anderes ist individuell, irrational und nicht politisch. Menschliches, allzu menschliches.

Kitty Sanders, Eugene Wolodarsky, 2013

Übersetzung: Julia Shenson

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