Strukturelle und historische Besonderheiten der sowjetischen und postsowjetischen Propaganda

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сссрDie Sowjetunion und die Russische Föderation beschäftigten sich immer sehr intensiv mit der Propaganda und der Erarbeitung der neuen Propagandamethoden. Die Notwendigkeit, Millionen von Menschen auf einem riesigen Territorium unter Kontrolle zu halten und sie zu zwingen, ungefähr gleich zu denken, erforderte immer effektivere Methoden für die Meinungsgestaltung der Bürger und ihre vereinheitlichende Erziehung. Selbstverständlich stieß der Propagandaapparat oft auf Widerstand. Es zwang die Regierung und die Geheimdienste dazu, immer effizientere Methoden der Gehirnwäsche zu finden. Schließlich schufen sie ein eigenartiges System mit „doppeltem Boden“, das wesentlich besser das gewöhnliche System (das die weniger „erfahrenen“ Länder benutzen) funktioniert. Dabei kann man die russische Propagandamaschine weder elegant noch intellektuell nennen. Wie immer setzt die Regierung auf die traditionellen Techniken des Informationskrieg.

Zuerst „stopfen“ sie den Informationsfeld des Gegners mit ihren Info-Viren, Mems und Ideologemen voll, wofür sie die Macht der sowjetischen Propagandamaschine und eine große Menge Geld benutzen. Dann, wenn sie ihren Angriff mehr oder weniger legitimiert haben, stürzen sie sich in den Angriff. Die Idee ist dabei, den Gegner in eigenen informativen und semantischen Bereich hineinzuziehen und ihm die eigenen Ideologemen als „objektive Realität“ aufzuzwingen. Für Russland sind das: der Siegeskult, „die großen Vorfahren“, „der Faschismus“, „die größte Kultur“ usw.. Dann kann man dem Gegner vorwerfen, dass er diesen Kriterien nicht entspreche und ein Feind der ganzen Menschlichkeit sei. Es gab früher ein gutes sowjetisches Ideologem: „der Feind aller progressiven Menschen“. So nannte man viele Politiker, an denen die Versuche scheiterten, ihre Länder zu „sowjetisieren“: Pinochet, Stroessner, Somosa, Banzer, Thatcher – jeder von ihnen war als „ein Feind der ganzen progressiven Menschheit“ gebrandmarkt, was bedeutete, dass sie sich bloß den Moskauer Plänen widersetzten. Bis zum heutigen Tag änderte sich nichts, nur die propagandistischen Ideologeme verfaulten sich inzwischen. Aber weil man sie unter einer scharfen Sauce des hysterischen Patriotismus serviert wird, spürt man den Gestank nicht.

Die genannte Methode stammt vom Ende des 19. — Mitte des 20. Jahrhunderts, und in der modernen Welt, wo die Information frei zugänglich ist, wäre sie ohne zwei entscheidende Faktoren absolut ineffektiv gewesen. Erstens sind das die Gelder, die die russische Regierung bereit ist zu investieren, um das ununterbrochene Funktionieren des Propagandamaschine zu sichern und die Bevölkerung oft gewaltsam in dem verzerrten und veralteten Informationsbereich zu halten. Zweitens ist es der bereits erwähnte „doppelte Boden“, der die Konkurrenten und die Gegner daran hindert, die russisch-sowjetische Propagandamaschine endgültig zu zerstören. Es schien, mit dem Zerfall der Sowjetunion verzichtete Jelzins Russland auf die imperialen Ambitionen. Es gab Meinungsfreiheit. Und plötzlich kamen irgendwelche faschistischen Politiker nach einigen Jahren wieder an die Macht, im Fernsehen wiederholen absolut identische Moderatoren revanchistische Mantras und die Bevölkerung fordert den Anschluss oder gar die Vernichtung der Nachbarn, die nicht wollen, in die Sowjetunion zurückzukehren. Warum geschah es? Weil die Struktur der russisch-sowjetischen Propaganda komplizierter ist, als wir zu denken pflegten. Ihre Aufgabe war immer, nicht nur das Image des Landes zu verbessern, sondern auch die Loyalität der Bevölkerung zu sichern und dabei das repressive Staatssystem zu behalten.

Was auf der Hand liegt, ist nur der erste, offensichtliche „Boden“. Hier unterscheidet sich die Vorgehensweise der russischen Regierung kaum von der Vorgehensweise eines gewöhnlichen totalitären Staates Europas, Asiens oder Lateinamerikas. Zunächst schafft man die „alternativen“ (unabhängigen) Medien aus dem Weg, wie mit der Gruppe Media-Most getan wurde. Danach vertreibt oder verhaftet man die am wenigsten loyalen Oppositionellen. Anschließend „reinigt“ man den semantischen Feld und vernichtet den Protestdiskurs. Das macht man durch die Schulbildung, durch das Aufzwingen der strickt nationalen Kultur, in deren Rahmen der Staat immer recht hat, durch die Steuerung der öffentlichen Meinung und der aus dem Ausland kommenden Literatur. Als Resultat schrumpft die oppositionelle Tätigkeit auf ein sinnloses, kontraproduktives Geschwätz, während die Opposition sich durch die aufgezwungene Dichotomie „Kommunismus-Nazismus“ marginalisiert. Dann wird der staatliche Informationsfeld gestaltet, der das Recht auf die Wahrheit monopolisiert. Übertragen wird nur das, was für die Regierung von Nutzen ist: „Amerikanische Propaganda lügt“, „In Europa sind alle schwul“, „In der Ukraine sind alle Verräter und Faschisten“, „In den baltischen Ländern gibt es nur Feinde und Faschisten“ usw..

Der Effekt „des zweiten Bodens“ wird erreicht, indem man um den gewöhnlichen Informationsfeld, der die Bürger von den „unnötigen“ und „feindlichen“ Informationen „schützt“, noch eine Struktur aus Bedeutungen und Ideologemen baut. Auf dem ersten Blick sind sie der gewöhnlichen Staatspropaganda entgegengesetzt, jedoch stimmen sie mit der traditionellen russischen Politik und Propaganda diskursiv überein.

Hier möchte ich eine Analogie mit „einer Mauer“ und „einem Graben“ benutzen, die ein Schloss umzingeln. Im räumlich-geometrischen Sinne sind sie einander entgegengesetzt. Allerdings dienen die beiden einem gleichen Ziel, dem Schutz des Schlosses. Falls „die Mauer“ aus irgendeinem Grund zerstört wird, fallen die Flüchtenden sofort in „den Graben“, der sie immer noch im Raum „des Schlosses“ hält. Beispielsweise bezeichnete die sowjetische Propaganda als ihr Gegenteil den Nationalsozialismus und „den roten Antisowjetismus“, unter dem man verschiedene linke Konzepte vom Trotzkismus bis zum Maoismus verstand. Selbstverständlich behaupteten die sowjetischen Propagandisten, dass der Erzfeind der Sowjetunion der Kapitalismus sei. Zusammen mit dem Voluntarismus, dem Revisionismus usw.. Jedoch war es unmöglich, diese philosophischen Kategorien kennen zu lernen und genau zu erforschen. Unter dem Begriff des Kapitalismus oder der Revisionismus hätte man alles Mögliches verstehen können. Ein sowjetischer Oppositioneller konnte an den Kapitalismus nicht richtig denken, weil er davon überhaupt keine Ahnung hatte. Er kannte Trotzki, Mao, die europäischen Linken, Hitler und Mussolini. Der Faschismus und die linken Ideen hatten eine klare Form, sie waren greifbar und mit konkreten historischen Figuren verbunden. Ein sowjetischer Oppositioneller, der mit „dem Parteikurs“ nicht einverstanden war, musste auf einem Gegenteil der Sowjetunion basieren, um die eigene Weltanschauung zu gestalten und „die Mauer“ zu überwinden. Und hier erwartete ihn eine Falle.

Jeden, der die Fehlerhaftigkeit der Systems begriff und „die Mauer“ überwand, warf die sowjetische Propagandamaschine direkt in „den Graben“. Als die Sowjetunion zerfiel und mit ihr auch „die Mauer“ verschwand, fiel die ganze sowjetische Opposition in „den Graben“. Zum nationalen Hauptprogramm wurden eine rot-braune ideologische Kombination und „der Dritte Weg“, d. h. Ein imperialistischer Pseudo-Antisowjetismus, den man in der Sowjetunion demonstrativ verstoßen hatte. Dadurch schuf man eine semantische Falle, in die die weglaufenden Bürger geraten sollten… Russland kam zum Kapitalismus nicht, weil es „den Graben“ nicht überwinden konnte. Mit dem Faschismus, dem Nationalismus und dem Imperialismus sah er sehr verlockend antisowjetisch aus, aber sein Diskurs stimmte mit der sowjetischen Ideologie beinah vollständig überein. Genau das ist „der doppelte Boden“: ein Aufteilung der eigenen Ideologie in „Guten“ und „Bösen“, während man „das Böse“ ständig unter Kontrolle hält und sich dessen völlig bewusst ist, dass es sich nicht im Geringsten vom „Guten“ unterscheidet.

Im Fall der Ukraine spielte das Ideologem des „brüderlichen Volkes“ die Rolle des „ersten Bodens“ (oder „der Mauer“). Als „die Brüder“ zweimal unmissverständlich solche Brüderlichkeit abgelehnt und dabei die semantischen „Mauer“ zerstört hatten, trat in Russland „der Graben“ ins Spiel: „Die Ukrainer sind alle Faschisten, ihr Land existiert nicht, die Krim ist unser, sie haben unsere Großväter getötet, man muss sie alle vernichten!“ In der Wirklichkeit sind die beiden Thesen („ein brüderliches Volk“ und „Ihr existiert nicht!“) in dem schizophrenen imperialen Paradigma grundsätzlich gleich. Zum „Bruder“ eines Imperiums kann man nur dann werden, wenn man die eigene Subjektivität verliert. Ein Imperium versteht sich als ein ganzes Körper und der Ukraine bleibt dabei die Rolle eines Gliedes. Selbstverständlich bedauert das Imperium den Verlust der Ukraine. Jedoch liegt diesem Bedauern weder „das brüderliche Gefühl“ noch der Wunsch zu helfen zugrunde. Es ist der Ärger eines Menschen, der seine Hand oder seine Niere verlor. Ein Imperium ist einfach unfähig, einen Anderen als Subjekt wahrzunehmen, wenn der Andere sich nicht durch eigene Stärke behauptet. In diesem Fall wird das Imperium ihn als „Feind der ganzen progressiven Menschheit“ brandmarken und zu vernichten versuchen. Nur wenn es scheitert, den Anderen zu vernichten, dann erkennt es seine Subjektivität an. Allerdings bleibt er ein Feind. So ist die Logik des Imperiums: Entweder sind Sie sein Bestandteil oder sein Feind. Die Ukraine wurde noch nicht endgültig zum Feind, was für sie die beste Variante wäre. Die russische Regierung betrachtet sie noch als „ein rebellierendes Glied“, als ein Objekt, das selbstständig nicht existieren kann (und darf). „Die Brüderlichkeit“ und „Ihr existiert nicht!“ sind im russischen politischen Paradigma deswegen identische Behauptungen. So funktioniert die geteilte Propaganda. Scheinbar unterschiedliche Strategien sollen bloß die wirklichen Ziele und Handlungen der russischen Regierung vertuschen. Dank dieses Prinzips ersetzte die russische Propaganda innerhalb der wenigen Monate „die Mauer“ (die Brüderlichkeit und den Wunsch zu helfen) durch den äußerst aggressiven „Graben“ (Ihr existiert nicht, wir bringen euch um!). Nur wenige Russen stellen sich dabei die Frage: Wie geschah es und warum akzeptierten sie es so einfach?

Ein gegensätzlicher Prozess ließ sich in den Verhältnissen zwischen Moskau und Tschetschenien beobachten. Von „verdammten unmenschlichen Mördern, Freunden von NATO und saudischen Scheichs“ (alle mythologische „Feinde Russlands“ wurden hysterisch in ein Haufen geworfen) kam man zu „unseren Brüdern und Hoffnung Russlands“. Das geschah ebenfalls unauffällig. Die gestrigen Erzfeinde wurden zur Stütze des Regimes. Nun bedroht Ramsan Kadyrov die Ukraine mit seinen Banditen und die russischen Patrioten wollen die tschetschenischen Spezialeinheiten in die Ukraine schicken, damit sie alle Feinde bestrafen. Eine Schizophrenie? Zweifellos. Aber sie steht völlig unter Kontrolle, sie wurde sorgfältig gezüchtet und in jeden Kopf eingepflanzt. Natürlich kennt die Geschichte genug Beispiele davon, wie Länder oder Ethnien zuerst Feinde waren und später Frieden schlossen. Doch ich kenne kein anderes Beispiel davon, wie ein Land so oft scheinbar unterschiedliche Epitheta und Vorgehensweisen auf seine Gegner und Verbündeten angewendet hätte. Und das so schnell, dass man unwillkürlich an Orwell denken muss: „Eurasien führte immer Krieg gegen Ostasien“. Die sowjetische und später russische Regierung erreichte ein beeindruckendes Resultat dank der langjährigen Verbesserung ihres schizophrenen Propagandainstituts.

Auf einer gleichen Weise wurde auch das Verhältnis zu China dekonstruiert und umgestaltet. Da geschah ein Übergang von der Feindseligkeit, die China bei den Russen (und besonders bei den russischen Patrioten und den Antisowjetisten der 90er Jahre) aufweckte, zu einer aufrichtigen Sympathie, als dieses Land so tat, als ob es bereit sei, Russland zu unterstützen. Nur vor kurzem sprachen die Russen noch von einer chinesischen Drohung, von seinen geopolitischen Interessen und militärischen Provokationen an sowjetischen Grenzen. In solchen Gesprächen gab es einen Kern der Wahrheit: Eine wirtschaftliche Abhängigkeit von China (mit seinen Ambitionen) ist für Russland viel gefährlicher als die Abhängigkeit von der EU oder den USA. China verfolgt bei der Unterstützung Russlands eigene Interessen. Beispielsweise versucht China in den letzten Jahren, die traditionellen sowjetischen diplomatischen und logistischen Strukturen in Lateinamerika unter seine Kontrolle zu bringen und mit Russlands Hilfe seinen Einfluss in der Region zu verstärken. Moskaus Vertrauen und Sympathien der Russen, denen mitgeteilt wurde, dass Eurasien gegen Ostasien keinen Krieg mehr führt, nutzt Peking aus, um seine Positionen in der Welt zu verstärken.

Ich schrieb diesen langen Artikel mit einem einzigen Ziel: Den Menschen, die von der russischen Regierung propagandistisch „bearbeitet“ werden, zu zeigen, dass sie nicht mit einem dummen Propagandaapparat zu tun haben, sondern mit einem effektiven Mechanismus. Er will, dass man ihn für dumm hält. Je überzeugter die Menschen sind, dass die Propaganda nur den Pöbel beeinflusst, desto stärkeren Einfluss nimmt sie auf sie selbst. Dieser Mechanismus basiert nicht nur auf der traditionellen und für die Europäer verständlichen nationalen Grundlage, sondern eher auf dem schizophrenen imperialen Paradigma, das absolut totalitär ist und jeden, der Widerstand leistet, vernichten will. Um ein effektives Schutzsystem dagegen aufzubauen, muss man diese Eigenschaften des Gegners unbedingt berücksichtigen.

Kitty Sanders, 2014

Übersetzung: Julia Shenson

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