Pinochet und die chilenische jüdische Diaspora

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pinochet and jews

Die Kritiker der Pinochets Epoche nutzen die relativ problematische Erreichbarkeit der chilenischen Quellen (und des Landes selbst) aus und betonen in ihrer Kritik zwei Punkte: die außerordentliche Grausamkeit der Zensur und ein hohes Niveau vom Antisemitismus (den Hass der chilenischen Eliten für Israel und die Sympathien der Juntamitglieder gegenüber dem Nazismus). Die Standardstrategie ist dabei die Behauptung, dass der Hass für Israel für „den Internationalisten“ Allende nicht typisch gewesen sei, während die „engstirnigen“ Militärs ihn legitimiert haben. Mit den Lügen über die Brutalität der chilenischen Zensur beschäftigen wir uns ein anderes Mal. Jetzt möchte ich das Problem des „rechten chilenischen Antisemitismus“ genauer betrachten.

Auf der Alltagsebene gab es in Chile wirklich den Antisemitismus, besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als viele Juden aus Europa und Russland kamen. Allerdings sympathisierte die chilenischen Eliten mit der jüdischen Gemeinde und den zionistischen Ideen. Im Land waren verschiedene jüdische Organisationen tätig, die sich mit der gegenseitigen Hilfe und der Wohltätigkeit beschäftigen. 1911 bildeten sich die ersten zionistischen Gruppen, 1917 wurde die Gesellschaft „Bikkur-holim“ gegründet. Am Leben der jüdischen Diaspora nahmen auch die Judentum praktizierten Indianer aus der Organisation „Hijos de Sión“ teil, die in Curacautin ihren Sitz hatte. 1919 fingen die ersten zwei jüdischen Zeitungen („Nuestro Ideal“ und „Renacimiento“) an, in Chile zu erscheinen, und einige zionistische Organisationen und ein Jugendzentrum wurden eröffnet. 1922 eröffnete man in Santiago eine medizinische Anstalt „Policlinica Israelita“. Von den 30er bis in 60er Jahren stieg die Anzahl der Juden und der jüdischen Organisationen im Land. Gegründet wurden Comité Israelita de Socorros und Sociedad Cultural Israelita B’ne Jisroel. 1937 wurde ein Abteilung von „Bnei Brit“ in Chile eröffnet, und ein Jahr davor – eine sephardische zionistische Organisation. Auch die aschkenasischen Organisationen waren im Land tätig. In den 40er Jahren wurden die Filialen von „Na’amat“ und „Maccabi“ in Santiago eröffnet, 1950 wurde das zionistische Universitätszentrum gegründet und 1952 – der Club „Esradio Israelita“. Im Jahre 1945 entstand der Comité Pro-Palestina in Chile, eine Organisation, die mit den zionistischen Bewegungen auf dem ganzen Kontinent verbunden war. Ähnliche Bewegungen und Organisationen entstanden zur gleichen Zeit in Peru, Uruguay und Brasilien.

Einer der Leiter von Comité Pro-Palestina war Gabriel Gonzales Videla. Das war ein hervorragender Politiker, der in hohem Maße zur Gestaltung der chilenischen Nation, des chilenischen Staatswesens und der chilenischen Militär- und Wirtschaftsstrategien beigetragen hatte. Ihn sah Augusto Pinochet in vielen Aspekten als Beispiel. Videla unterstützte den Putsch im Jahre 1973. Als Präsident des Landes verhielt er sich wegen des Drucks der arabischen Diaspora zuerst zurückhaltend, was der Frage der Teilung Palestinas im Jahre 1947 anging. Jedoch nahm Chile bereits ein Jahr später eine eindeutige proisraelische Position ein. Im Bereich der Zusammenarbeit war die Situation zwischen den beiden Ländern günstig. Ab 1953 wurde von den beiden Ländern ein großes Abkommenspaket über die Zusammenarbeit in den Bereichen von Wirtschaft, Technologie, Militär, Kultur und Transport unterzeichnet. Israel half Chile, die Agrarwirtschaft zu entwickeln und die Wasserressoursen und die Bodenschätze zu erforschen.

Chiles Finanzpolitik begünstigte die jüdische Diaspora. 1944 gründete ein aus Litauen stammender Geschäftsmann und Philanthrop Solomon Sack Mott eine große Bank namens „Banco Israelita de Chile“. Er war nach Chile mit seiner Frau Julia Rabinovic und seinen Töchtern gekommen. Außer der Bank gründete er ein Unternehmen „Barraca De Fierro Salomon Sack“, das bis heute existiert und eine bedeutende Rolle auf dem Markt der Baumaterialien spielt. Er war ein großer Wohltäter, entwickelte das Bildungssystem, investierte viel in die chilenische Universität, gründete den Solomon-Sack-Fonds und war im Großen und Ganzen eine bedeutende Figur in der Gesellschaft. „Banco Israelita“ existiert ebenfalls bis heute unter den Namen „Banco Internacional“. Zur Juntas Regierungszeit bekam er aktive Unterstützung von den Pro-Pinochets Ressourcen: Beispielsweise durch die rechte Zeitschrift „Revista pro-patria“, in der man über die politische Analytik und die aktuellen Nachrichten schrieb.

Nachdem die von den Kommunisten stark beeinflusste Regierung der Nationaleinheit 1970 in Chile an die Macht gekommen war und Salvador Allende zum Präsidenten geworden war, verließen Tausende von Juden das Land und gingen nach Israel, Argentinien, den USA, Spanien, Australien und Deutschland. Die Forscher nennen die Zahl von acht Tausend (aus ungefähr dreißig Tausend Juden, die in Chile lebten). Man konnte sie gut verstehen. Die jüdische Diaspora war in den mittleren und oberen sozialen Schichten stark vertreten und spielten dort eine bedeutende Rolle. D.h., Allendes Reformen waren in der ersten Reihe gegen sie gerichtet. Darüber hinaus waren die antiisraelische linksextremen Terrororganisationen in Chile tätig. Sie hassten die „bürgerlichen“ Juden, die für die kommunistische Revolution keine Solidarität hatten. Die Außenpolitik des Landes änderte sich ebenfalls. Chile begann für die UN-Resolutionen zu stimmen, die gegen Israel gerichtet waren. Im Gegensatz dazu unterstützte Pinochet 1975 die Resolution nicht, die Zionismus mit dem Rassismus gleichsetzte. Von Chile flohen jüdische Unternehmer und Fachleute. Gleichzeitig kamen viele Kommunisten ins Land, unter denen viele Juden gab, die gegenüber Israel und den zionistischen Ideen feindselig gesinnt waren. So zog z.B. der ungarische Jude, Maler und Kommunist D. Obermeyer Rossa aus Bolivien nach Chile. Rossa war 1948 aus stalinistischem Ungarn geflohen, doch er hatte nichts dabei gelernt und sich statt der Diktatur von Hugo Banzer für sozialistisches Chile entschieden. (Die Lebensgeschichte seines Sohnes, eines berühmtes Spions, verdient auch einen Artikel.)

Die Sowjetunion investierte viel Geld in Allendes Chile. Deswegen wurde die sowjetische Propagandamaschine sehr aktiv, als es im Land zu einem Putsch kam. Man entschied sich, Pinochet zu einem „Nazi“ zu machen. Dabei war es völlig unwichtig, dass viele jüdische Unternehmer nach dem Putsch nach Chile zurückkehrten und die Beziehungen zwischen Chile und Israel sich verbesserten. Im November 1945 unterstützte sie chilenische Delegation die UN-Resolution nicht, die den Zionismus mit dem Rassismus gleichsetzte, während die Sowjetunion mit drei Stimmen (von Sowjetrussland, Ukrainischer SSR und weißrussischer SSR) dafür stimmte. Die Logik konnte die Propaganda nicht stören. Um die Gegner als Antisemiten zu brandmarken, benutzten die Linken ein einfache Strategie – Informationsfälschung. In der „originellen“ Junta gab es einen einzigen Verehrer des Nationalsozialismus: General der Luftstreitkräfte Gustavo Lee Gusman. Seine politischen und wirtschaftlichen Konzepte unterschieden sich völlig von denen der anderen Juntamitglieder. Er war für die Eliminierung aller Kommunisten im Land, „faschistische“ Wirtschaft, strenge Zensur und „kalte“ Militärkonfrontation sowohl mit den kommunistischen Nachbarn (vor allem Peru) als auch mit der kapitalistischen Welt. Gustavo Lee war von der Junta und vom Posten des Befehlshabers der Luftstreitkräfte vertrieben. 1978 ersetzte ihn General Fernando Mattei. Seinen politischen Einfluss verlor Lee viel früher: Noch 1974, als Chile am Rande der Krieges gegen prosowjetisches Peru stand, beschäftigte sich Mattei zusammen mit Pinochet mit der Analyse der Situation und ihrer Entschpannung. Doch die sowjetische Propaganda stellte die Situation als „Pinochet hasst Juden!“ dar.

Ein weiteres Argument dafür, dass Pinochet ein Antisemit gewesen sei, war die Judenfeindlichkeit mancher Mitglieder der argentinischen Militärjunta. Den Linken gelang es mühelos, Menschen davon zu überzeugen, dass wenn einige argentinische Militärs an einen globalen zionistischen Komplott glaubten, dann auch die chilenischen Militärs daran glauben mussten. Die Tatsache, dass Chile und Argentinien zwei sehr verschiedene Länder sind, wurde dabei vergessen.

Der dritte Grund, der die Beschuldigung von Pinochet an Judenfeindlichkeit ermöglichte, war die Herausgabe der Nazi-Literatur in Chile. Die Kritiker vergessen aber oft, dass die Verlage im Land privatisiert wurden. Heutzutage wird „Mein Kampf“ in Chile immer noch herausgegeben, jedoch ist es Unsinn, vom Antisemitismus chilenischer Regierung zu sprechen. Laut der israelischen Zeitung „Yedioth Ahronoth“ zeigten die Wahlergebnisse vom Jahre 2006, dass sie die „judenfreundlichste“ Regierung außerhalb Israels sei. Die Verlage befriedigen ihrerseits bloß die Nachfrage. Eine enorme Anzahl der Exemplaren geht nach Argentinien und Peru, wo das Interesse für Nazismus und Nazi-Literatur sehr stark und tief ist. Wichtig ist zu erwähnen, dass die Meinungsfreiheit in Chile größer als überall auf dem Kontinent ist. Deswegen ist es beinah unmöglich, ein Buch zu verbieten oder die Regierung zu zwingen, einen Verdächtigen ohne eine lange Untersuchung auszuliefern. Das als Nazismus zu bezeichnen, ist genauso absurd, wie Schweden, das einen tschetschenischen Flüchtling nicht ausliefert, „eine Filiale Itschkeriens“ zu nennen.

So sind die Grundlagen des Mythos vom Pinochets Antisemitismus. Was geschah wirklich? Während der Regierung der Militärjunta hatte Chile gute Verhältnisse mit Israel. Die beiden Länder betrieben eine Politik der Annäherung. Pinochet, der Anhänger eines Konzeptes der Einheit aller Völker im gemeinsamen chilenischen Kulturraums, besuchte jährlich die zentrale Synagoge in Santiago am Yom Kippur. Ein große Zahl der Juden waren in der chilenischen Elite präsent. Politiker wie Serjio Melnik, Jose Berditschewski, Markos Silberberg, Miguel Schweizer Speiski, Rodrigo Hinzpeter Kirberg, eine der berühmtesten chilenischen Kinostars Shlomit Beitelmann, ein bedeutender Fernsehmoderator Don Fransisco… Zur Regierungszeit der Junta wurde eine Reihe wichtiger Verträge zwischen den Ländern beschlossen, wie z.B. der Vertrag über die wirtschftliche und geschäftliche Zusammenarbeit (1982), das Programm des kulturellen Zusammenwirkens (1983), der Vertrag über die Luftwege und das Flugwesen (1982), die Vereinbarung über das touristische Zusammenwirken (1983) und die Vereinbarung zwischen den Strukturen von CONAF und Keren Kayemet Leisrael (1983). Die Zusammenarbeit im Militärbereich entwickelte sich und erreichte heute ein beeindruckendes Niveau. So wählten Chiles Luftstreitkräfte 2002 den israelischen Waffenproduzenten RADA Electronic Industries, um die neuen F-16 C/D Flugzeuge zu kaufen, und 2014 wählte die chilenische Armee das israelische Sturmgewehr „Galil ACE“. Israel hat immer die zentralen Messestände auf der internationalen Waffenmesse FIDAE in Chile.

Es passieren manchmal in Chile Hassausbrüche gegen Israel. Sie kommen entweder von der Seite der einflussreichen palästinensischen Gemeinde oder von der Seite des linken politischen Flügels, die den gleichen Druck auf Gabriel Gonzales Videla, Augusto Pinochet und den letzten Präsidenten Sebastian Pinera ausübten. Der Letzte wurde unter dem Druck der Palästinenser und der linken antiisraelischen Regimes der Region (Argentinien, Bolivien, Peru, Venezuella) gezwungen, den Palästinensischen Staat anzuerkennen. Die kommunistische Partei Chile, die Allendes Politik fortsetzt, hält Israel für einen „terroristischen Staat“: so bezeichnete es 2006 ein Vertreter der Partei Hugo Gutierrez. Trotzdem bleibt Israel Chiles wichtiger Partner und Verbündeter. Eine „Abkühlung“ der Verhältnisse kam während der Regierungszeit des „Internationalisten“ Allendes, und unter Pinochet wurde die Zusammenarbeit fortgesetzt und sie führte zu beeindruckenden Resultaten.

Von meiner subjektiven Erfahrung kann ich sagen, dass es in der Region kein anderes Land gibt, das genauso proisraelisch wäre. In Chile sah ich nichts, was dem argentinischen Antisemitismus oder der primitiven venezolanischen Judenfeindlichkeit ähnlich wäre.

Kitty Sanders, 2014

Übersetzung: Julia Shenson

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